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Ein Bewusstsein für die vielfältigen Werte der Natur

Ein Bewusstsein für die vielfältigen Werte der Natur

© Porträtfoto: Sandra Vijandi
Ann-Kathrin Koessler ist seit Januar 2022 Professorin an der Leibniz Universität Hannover.

Prof. Dr. Ann-Kathrin Koessler vom Institut für Umweltplanung hat am Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES mitgearbeitet

Welchen Wert hat ein Fluss? In den westlichen Ländern wird diese Frage bisher vor allem funktional betrachtet - und beispielsweise überlegt, welche ökonomischen Verluste sich in der Landwirtschaft ergeben, wenn ein Fluss als Bewässerungsquelle wegfällt. Dabei ist er viel mehr als das: Er kann einen Wert als Naherholungsgebiet haben, er kann identitätsstiftend sein, er ist Lebensraum für Pflanzen und Tiere und er hat einen Wert ansich. Mit den vielfältigen Werten der Natur hat sich der Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) befasst, der im Juli 2022 vorgestellt und von seinen 139 Mitgliedsstaaten angenommen worden ist. Prof. Dr. Ann-Kathrin Koessler vom Institut für Umweltplanung der Leibniz Universität Hannover (LUH) ist eine der 82 Autorinnen und Autoren. Sie war als eine von weltweit 14 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern ausgewählt worden.

Grundlage für politische Entscheidungen

Vier Jahre haben die Autorinnen und Autoren freiwillig und unentgeltlich an dem Bericht gearbeitet, der mehr als 13.000 wissenschaftliche Referenzen umfasst. "Natürlich hat mich das Thema motiviert - aber auch der Kommunikationsgedanke. Es ist sehr wichtig, dass wir nicht nur in unserer akademischen Blase leben, sondern unsere Erkenntnisse auch nach außen tragen. Der Bericht bietet eine wichtige Wissensgrundlage für zukünftige politische Entscheidungen", so Koessler. Beispielsweise sollen in wenigen Monaten neue Konventionen der Vereinten Nationen zum Schutz von biologischer Vielfalt entschieden werden. In diesem Kontext hofft das Autorenteam, dass der IPBES-Bericht Gehör und Einfluss findet.

Für den Bericht ist nichts Neues erforscht worden - stattdessen bildet er den Stand des bestehenden Wissens ab. Hierfür haben sich Untergruppen formiert, die zu ihrem jeweiligen Themenfeld die Literatur gesichtet, zusammengefasst, um eine Metaebene ergänzt und allgemeinverständlich aufbereitet haben. Koessler hat sich in ihrer Gruppe mit der Rolle von Werten für Transformationsprozesse befasst. "Ein Ergebnis des Berichts ist, dass Natur aktuell sehr stark als Ressource betrachtet wird. Wir haben reflektiert, welche Werte es darüber hinaus gibt. Im Rahmen des Nachhaltigkeitsprozesses müssen dringend weitere Werte der Natur berücksichtigt werden."

Vielfältige Sichtweisen integriert

Ein Markenzeichen des IPBES ist laut Koessler seine Vielfältigkeit: "Es wird viel Wert auf Diversität gelegt, sowohl in Bezug auf Internationalität als auch auf Disziplinen. Nicht nur akademisches, sondern auch traditionelles Wissen und beispielsweise das Naturverständnis von indigenen Völkern sollte in den Bericht einfließen", sagt die Professorin. So gab es neben der Literaturauswertung auch Workshops mit indigenen Gruppen. "Die Zusammenarbeit in der Autorengruppe war eine Herausforderung und es war nicht immer einfach, die kulturell, disziplinär aber auch persönlich unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzubringen - aber es war ein sehr bereichernder Prozess, der den partizipativen und inklusiven Spirit des IPBES aufzeigt."

Impulse für Forschung und Lehre

Der Bericht hat zwei Review-Prozesse durchlaufen, bevor er im Juli 2022 bei einer Vollversammlung der IPBES-Mitgliedsstaaten in Bonn final diskutiert und schließlich verabschiedet worden ist. "Dort ist die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger nochmals Satz für Satz durchgegangen worden. Teilweise mussten Kompromisse gefunden werden, weil sonst einzelne Nationen den Bericht nicht angenommen hätten. Aber wir mussten nichts Essentielles verändern", sagt Koessler. Durch die Annahme in der Vollversammlung hat der Bericht Kraft bekommen: "Er ist jetzt politisch legitimiert und die Mitgliedsstaaten können ihn nicht vernachlässigen."

Koessler ist seit Januar 2022 Professorin für Umweltverhalten und Planung an der LUH. Die Erfahrungen aus der Arbeit am IPBES-Bericht werden in künftige Forschungsprojekte einfließen - und natürlich in die Lehre: "Denn wie wir Natur verstehen, wertschätzen und bewerten, beeinflusst Entscheidungsfindungen in der Landschaftsplanung grundlegend."

Weitere Informationen zum IPBES-Bericht